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Sonderausstellung 2016

„Hatili und die Hungerkatastrophe 1816/17“

Vom 22. Mai bis 30. Dezember 2016 beleuchtet die neue Sonderausstellung Ursachen, Auswirkungen und Folgen des tragischen Hungerjahrs, in dem "Haufen von Kindern, Gras und Kräuter weideten".

Vom Hunger geschwächt starb im Spätherbst 1816 in Schwellbrunn der angesehene Bauer und Zimmermann Zwickers Ueli. Seine dreizehnjährige Tochter Hatili und zwei ihrer Brüder beschlossen danach, ihr Glück im Elsass zu versuchen. In den Fabriken in Mülhausen seien Arbeitskräfte gesucht, hatten sie gehört. Die Stadt wurde jedoch von arbeitsuchenden Leuten überrannt und man wies die drei überall schroff ab. Die Brüder liessen sich schliesslich für holländische Militärdienste anwerben. Hatili fand Aufnahme bei einer Schlosserfamilie in Basel. Ihr älterer Bruder und ihre Mutter, die in Schwellbrunn zurück gebliebenen waren, starben ebenfalls den Hungertod.

 

Sie waren bei weitem nicht die einzigen im Appenzellerland. Das Jahr 1816 war in weiten Teilen von Asien, Europa und Nordamerika ein «Jahr ohne Sommer». Es war ungewöhnlich kalt und nass, ein Sonnentag war eine Seltenheit. Die Ernten blieben aus. Die Folge war ab dem Herbst eine Hungerkrise. Kaum eine Region in Europa war stärker betroffen als das Appenzellerland, wo es zu einer eigentlichen Hungerkatastrophe kam. Binnen kurzer Zeit stieg im Herbst 1816 der Preis für einen Sack Dinkel von 12 auf 108 Gulden an. Bald verzeichnete Appenzell Ausserrhoden 3000 Armengenössige, im Frühjahr 1817 waren es mehr als 12‘000. Die Innerrhoder Pfarreien Appenzell, Haslen und Gonten verloren einen Neuntel ihrer Bevölkerung.

«Es gibt Haufen von Kindern, die Gras und Kräuter weideten, Haufen von Kindern, die in den Abfallkisten der Reichen nach etwas Essbarem suchten. Man nahm zu den elendesten Speisen Zuflucht: Emd wurde auf dem Ofen gedörrt, dann zu Mehlstaub zerrieben und mit Schotten gekocht … ,»

Die Betroffenen fragten selbstverständlich auch nach den Ursachen für die Hungersnot. Informationen, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. War es eine Strafe Gottes? Waren die vorangegangenen napoleonischen Kriege und die Wirtschaftskrise schuld? Oder leiteten die vielen in den Jahren zuvor auf Hausdächern montierten Blitzableiter die Wärme ab? Erst im 20. Jahrhundert fand die Wissenschaft heraus, dass ein gewaltiger Vulkanausbruch in Indonesien im April 1815 zur Abkühlung geführt hatte.

Kasten mit Erinnerungen an das Hungerjahr 1816

Zahlreiche Gedenkschriften erinnern noch immer an die schreckliche Zeit. Sie werden in der Ausstellung zu sehen sein. Prunkstück ist ein 1817 bemalter Schrank, der sich breit mit der aktuellen Hungersnot auseinandersetzt. Thematisiert werden aber auch das Rätseln um die Ursachen (neue Blitzableiter? Strafe Gottes?) und die letztlich ungenügenden Massnahmen, die zur Linderung der Not ergriffen wurden. Ein Blick nach Asien und Nordamerika zeigt, wie global die damalige Hungerkrise war. Ebenso lernen wir den Übeltäter, den Vulkan Tambora, kennen.

Die eingangs zusammengefasste Geschichte aus dem Leben von Hatili überlieferte uns der Schriftsteller Walter Rotach. Hatili war seine Grossmutter. Anlässlich der Vernissage am 22. Mai werden Schauspieler Philipp Langenegger aus Urnäsch und Hackbrettler Werner Alder aus Herisau den eindrücklichen Text inszenieren.

 LinkBericht der Appenzeller Zeitung zur Vernissage
 LinkVeranstaltungen zur Sonderausstellung

 

Veranstaltungen

Sonntag, 22. Mai 2016, Vernissage
15:30 Vernissage zur Sonderausstellung. Philipp Langenegger und Werner Alder erzählen die Geschichte des Schwellbrunner Mädchens Hatili, das sich 1816 aus Not auf die Suche nach Arbeit ins Ausland begab. Dazu wird ein Hungerbrei, eine sogenannte Rumford-Suppe, serviert.

 

Öffentliche Führungen durch die Ausstellung
Sonntag 5. Juni, 10.45 Uhr
Sonntag 11. September, 10.45 Uhr
Sonntag 6. November, 10.45 Uhr
Freitag, 30. Dezember, 17 Uhr, Finissage

 

Hinweis:
Vom 1. Juni bis 21. Oktober 2016 zeigt das Ritterhaus Bubikon (ZH) seine Ausstellung «Schneesommer und Heisshunger» zum selben Thema.

Linkwww.zürioberland-1816.ch